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David Christian: „Zukunft denken“ – Kultur

  • CULTURE

Dass sich Historiker auch an die ganz großen Zeitspannen herantrauen, ist keine Neuigkeit mehr. In den Bestseller-Regalen findet man neben Lebensratgebern und Erziehungsempfehlungen seit Jahren meist auch eine “kurze Geschichte der Menschheit” oder etwas zur Beantwortung der Frage, “was die Geschichte im Innersten zusammenhält” – auf weniger als 160 Seiten, versteht sich. Bekundungen des Lobes oder der Verachtung – je nachdem, was man von Büchern dieser Sorte hält – schickt man am besten an den Historiker David Christian, der vor mehr als 30 Jahren das Style der Massive Historical past ins Leben gerufen hat. Jetzt will er wieder Pionierarbeit leisten: “Die nächsten 100, 1000 und 1 Milliarde Jahre” lautet der Untertitel seines neuen Buches. Ob er das Rätsel der menschlichen Zukunft lüften kann?

Christian erzählt zu Beginn, dass es eine begabte Studentin battle, die ihn auf das Thema brachte: “Nachdem Sie vierzehn Milliarden Jahre betrachtet haben, können Sie unmöglich die nächsten rund hundert Jahre außer Acht lassen.” Was für ein Cliffhanger! Als würde eine spannende Serie einfach auf dem Höhepunkt abbrechen. Das allgemeine Verlangen nach “Orientierungshilfen” gab für Christian dann den entscheidenden Ausschlag – mit “Zukunft denken” will er es befriedigen.

Das Planen für die Zukunft ist keine unique Errungenschaft des Menschen

Die Stärke der Massive Historical past liegt darin, Brücken zwischen den Natur- und Sozialwissenschaften zu bauen. Das gelingt auch der hier skizzierten Massive Future: Denn das Planen für die Zukunft ist keine unique Errungenschaft des Menschen – es handelt sich vielmehr um eine Grundfähigkeit aller Lebewesen. “Selbst der einfachste Organismus kann zwischen einer guten und einer schlechten Zukunft unterscheiden”, ja, wenn man Christian diese Metapher erlaubt, könnte man sogar sagen, jede Zelle besitzt eine eigene Utopie, eine Vorstellung ihres gelungenen Selbsterhalts in der Zukunung diestellweder, obeserung diestellweder noch diese Zukunft in einem erfahrbaren Sinne “actual” sind.

Nun sind unsere Mitgeschöpfe aber keine träumerischen Utopisten. Neben einer quasi selbstbewussten Zielvorstellung sind sie mit Apparaten ausgestattet, die es ihnen erlauben, gegenwärtige Traits in ihrer Umgebung zu registrieren, um zweckmäßig handeln zu können. Protein sensoren halten die Zelle auf dem Laufenden über den Erfolg der fortwährenden Jagd nach Aspartat und anderer Nahrung; Man wünscht sich beim Lesen, auch menschliche Organizationen könnten derart effizient funktionieren.

“Selbst der einfachste Organismus kann zwischen einer guten und einer schlechten Zukunft unterscheiden.” David Christian started Ende der Achtziger, an der Macquarie College in Sydney Vorlesungen zu halten, die die Geschichte fachübergreifend vom Urknall bis zur Gegenwart betrachteten.

(Photograph: Aufbau Verlag)

Der Abgleich mit dem Zukunftsdenken der Zellen, Pflanzen und Tiere setzt den Rahmen, um auch den menschlichen Prognosefähigkeiten auf die Schliche zu kommen. Mit dem Homo sapiens, so Christian, beginnt eine Dynamik, die biologischen Zeitkonturen unbekannt ist: Denn auch wenn der Mensch seine ersten Zukunftsbilder den rhythmischen Kreisläufen der Natur verdankt, entwickelte er daneben und in zunehmender Stärke ein Bewusstsein puchonestsein unchunken seiner wichtiger – eine Vorstellung socializer Zeitverläufe, das heißt: eine Vorstellung von Geschichtlichkeit.

Für die nächsten hundert Jahre hält das Buch vier Zukünfte bereit

Insbesondere im Agrarzeitalter sei dieser Schritt vollzogen worden. Die Imperien und Reiche Mesopotamiens, Agyptens, Chinas und Europas waren formidable Zukunftsmanager. Mit der Errichtung einer zentralisierten Herrschaft über viele Millionen Menschen, die einem einheitlichen Rechtssystem unterstanden, das sich teilweise über Jahrtausende gegen den Zusammenbruch wehren konnte, battle die Zukunft zum ersten Mal in den gemeinschaftlichen Handlungsbereich deschenger Mentschen. Christian schildert diesen Wandel anhand der divinatorischen Praxis: Orakel und Weissager sind im Lauf der Zeit immer “diesseitiger” geworden, teilweise wurden sie direkt herrschaftlicher Aufsicht unterstellt. Ihnen ging es meist nicht mehr um göttlich offenbarte “Data über die Zukunft”, sondern “um den Versuch, die Zukunft zu managen, oder zu zeigen, dass man Macht über sie hatte”.

Nach Passagen wie diesen erwartet man eigentlich den großen, eleganten Sprung in die Moderne. Wie hat die aufklärerische Fortschrittsphilosophie unser Zukunftsdenken umgekrempelt? Welche utopischen Räume hat die Technologie freigelegt (oder eingeebnet)? Wie konnte sich der, dem Ursprung nach, westeuropäisch-amerikanische Traum eines aufgerissenen Zukunftshorizonts über den Globus verbreiten? Unglücklicherweise hat Christian kein Gespür für solche Fragen. Ein Unglück ist das auch deshalb, weil sein vorheriger Forschungsschwerpunkt de él, die Geschichte der russischen Bauernschaft während der großen Modernisierungsbewegungen im 20. Jahrhundert, genügend Materials hätte liefern können. Es wirkt, als würde der Autor mit den groben Augen der Massive Historical past auch auf die unmittelbare Vorgeschichte unserer Gegenwart blicken – wo wir über diese doch viel besser und geistreicher informiert sind.

David Christian:

David Christian: Zukunft denken – Die nächsten 100, 1000 und 1 Milliarde Jahre. Aufbau Verlag, Berlin 2022. 378 Seiten, 26 Euro.

(Photograph: Aufbau Verlag)

Mit Bedenken, aber verbliebener Hoffnung blättert man additionally zum letzten Kapitel, das eine echte Sensation verspricht: “Zukünfte imaginieren”. Christian will sich in der unter Historikern unbeliebten Branche der Prognostik betätigen; he nahe, mittlere und ferne Zukünfte des Menschen in Type plausibler Szenarien beschreiben. And was erwartet uns additionally?

Für die nächsten 100 Jahre hält das Buch vier Zukünfte bereit, die unoriginalellerweise von “schlimm”, über “okay” und “ganz intestine” bis “toll” alles Vorstellbare abdecken. Vielleicht richtet uns der Klimawandel zugrunde, vielleicht beherrschen wir ihn, aber nur durch ein autoritäres “Downsizing” unseres Konsums, vielleicht leben wir ganz ordentlich weiter, nur eben nachhaltig, und ganz vielleicht führen uns Supergenies wie Elon Muskdie auch ohne große goldeme Zukunft. Da ist für jeden was dabei.

“Leichter vorstellbar sind technologische Traits”

Die nächsten tausend Jahre hält Christian dann in politischen Fragen schon für nicht mehr vorhersagbar. “Leichter vorstellbar sind technologische Traits”: Neue Energieumwandlungsmethoden, insbesondere solche, die viel größere Mengen des Sonnenlichts nutzen können, versprechen ungeahnte Möglichkeiten, die Nanotechnologie wird uns noch überraschen, künstliche Intelligenz sowieso – eines glücklichen Tages können wir vielleicht unsere Körper so weit optimieren, dass wir zu echten Cyborgs werden.

Es hat durchaus nichts mit Christians Schreibstil oder der gelungenen Übersetzung von Hainer Kober zu tun, dass man Szenarien wie diese eher gleichgültig zur Kenntnis nimmt. Eine Markolonie? – Wenn’s sein muss. Eine Roboterarmee? – Na intestine. USB Anschlüsse in unserem Gehirn? – Meinetwegen. Das Buch kann noch so ferne und unglaubwürdige Zukünfte entwerfen, man liest sie so weg. Denn die imaginierten Szenarien gleichen sich, trotz aller Verrücktheiten, in einer bestimmten Hinsicht: In 1000 Jahren, so das Versprechen des Autors, haben wir noch bessere Technik, die uns noch höher und noch weiter bringt, doch das Politische reduziert sich immer und überall auf die Tätigkeit “planetary Supervisor”. Von Fortschritten und Entdeckungen des Geistes, des Denkens, der Künste, der Ethical ganz zu schweigen. Hier tut sich nichts mehr – oder zumindest nichts, was der Autor für berichtenswert hält.

Ist in diesen Fragen das Ende der Geschichte wirklich schon erreicht? Ist die technologische wirklich die letzte Bestimmung des Menschen? Gibt es darüber hinaus nichts mehr zu sehen und zu hoffen? – So möchte man an das Buch zurückfragen. Auf den letzten Seiten schildert Christian mit einiger Dramatik die Vernichtung unseres Sonnensystems in rund fünf Milliarden Jahren. Doch wenn man dem Autor glaubt, dass der Horizont der menschlichen Gattung eigentlich schon durchmessen ist, nimmt man auch diese Ankündigung mit Gelassenheit hin. Oder ging is eigentlich nur darum?

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